Das Vergangenheits-Ich, das Zukunfts-Ich und die Wahrheit dazwischen

Veröffentlicht am 19. April 2026 um 16:16

Ich sitze zwischen den Stühlen. Es ist ein unangenehmes Gefühl. Immerhin kann man zwischen Stühlen nicht richtig sitzen. Es ist ein in der Luft hängen. Sehr unenspannt.

Und das Dumme: Ich habe die Stühle dort selbst hin gestellt.

 

Wieso macht sie denn sowas, denkst du?

Naja, eigentlich ist diese verquere Möblierung eher unbewusst geschehen. Wie ziemlich viel im Leben eines Menschen eben unbewusst geschieht.

 

Das Ding ist folgendes:

Im Laufe meines Lebens habe ich einige Schuhe anprobiert. Manche trug ich zeitweise, manche passten so gut, dass ich lange Wegstrecken damit ging, manche zog ich bald wieder aus. Aber manchmal zieht man sich etwas an, von dem man meint, es sollte einem eigentlich passen. Es würde einem doch stehen sollen. Es müsste dir gefallen wollen.

Und dann rennst du jahrelang mit diesem vermeintlich wunderbar zu dir passenden Schuhwerk rum und merkst gar nicht, dass die Blasen an deinen Füßen gar nicht sein müssten.

 

Genug der Metaphern. Was ich sagen will ist, dass ich mir ein paar Träume antrainiert habe, vor ziemlich langer Zeit. Und diese Träume habe ich lange mit mir herum geschleppt. Und oft genutzt als, „wenn ich dann wieder...dann...“ oder „später kann ich dann ja...wenn…“

 

Ich denke, diese Art des Prokrastinierens kennen wir alle. Gern genutzt bei Angewohnheiten, die man los werden möchte.

 

Wenn ich endlich Nichtraucher bin…

Wenn ich 5 Kilo abgenommen habe…

 

Oder auch bei Wünschen wie

 

Wenn ich einen Partner habe…

Wenn diese Woche vorbei ist…

Wenn ich im Urlaub bin…

 

Den Traum, den ich vor mir her geschoben hatte, war „Wenn ich wieder Kinderyoga gebe“.

Ich habe 2013 eine Yogalehrerausbildung gemacht. Und auch ein Kinderyogaübungsleiterseminar besucht.

Dann habe ich Yogaunterricht in einer Physiopraxis für Erwachsene gegeben und zudem Kinderyoga in eigens gemieteten Räumen angeboten. Das hat Spaß gemacht und ich gab Unterricht, bis ich im neunten Monat schwanger und rund wie eine Wassermelone war. Dann folgten Jahre, die ich für meine Tochter da war. Und ich hielt den Gedanken im Hinterkopf „Wenn sie alt genug ist, gebe ich wieder Kinderyoga. Ich arbeite als Erzieherin, das ist doch super. Ich mache mich teilselbstständig und mache neben meiner Stelle in der Kita einfach noch den Yogaunterricht.“

 

Dann bekam ich neulich meine Chance. Eine meiner Besties eröffnete mir die Möglichkeit, wieder aufs Yogapferd aufzusteigen und ich ergriff sie. Da war sie, meine Chance wieder los zu legen und mir diesen lang gehegten Traum zu erfüllen. Hochmotiviert begann ich, Stunden auszuarbeiten, ein Konzept zu schreiben, eine Homepage zu erstellen. Und ehe ich mich versah, ging es auch schon los.

 

Nur fühlte sich irgendetwas merkwürdig an. Bei genauerer Betrachtung, ging mein Konzept nicht auf. Ich hatte geplant, Yoga in Kitas anzubieten, da Familienzentren eh Bewegungsangebote haben müssen und die Kinder sich dort sicher und wohl fühlen. Die Eltern müssen weder hin und her fahren, noch bezahlen. Und bei festen Kursen a 8 Stunden, muss ich das Rad auch nicht immer neu erfinden.

 

Aber irgendetwas hakte hier. Hatte ich vielleicht übersehen, dass ich in einer Kita arbeite und das Klonen noch nicht für die Mittelschicht zugänglich gemacht wurde? Wie soll ich denn normal arbeiten und parallel Yoga geben?

 

Vorerst ging es gut, weil ich meinen kurzen Tag für den Kurs nutze und eben direkt nach der Arbeit zum Kurs fahre. Der läuft gut, die Kids haben Bock, es fällt mir auch leicht. Ich kann sowas gut, bin flexibel, witzig und kann gut mit Kindern (Sollte ich wohl auch, als Erzieherin). Und doch...

 

Was ist hier los?

 

Es dauerte eine Weile, bis ich dahinter kam.

 

Seit der weiterführenden Schule machte ich Yoga. Mal mehr, mal weniger, aber es begleitet mich schon sehr lange. Der Traum davon, als Lehrerin zu arbeiten, war mir so in Fleisch und Blut über gegangen, dass ich ihn nie hinterfragt habe. Warum auch?

 

Aber jetzt saß ich plötzlich mit zu engem Schuhwerk zwischen diesen Stühlen und diese waren mein Vergangenheits-Ich (Yoga ist super!) und meinem Zukunfts-Ich ( Ich bin Yogalehrerin) und mir ging auf, dass ich – Achtung! – gar keine Lust mehr dazu habe.

 

Ich habe im Januar 2025 meine Arbeitsstunden reduziert, um mehr das tun zu können, was ich wirklich liebe. Und mir ist nie aufgefallen, dass Yoga nicht mehr dazu gehört. Ich schreibe, male, lese, höre Musik, gehe spazieren, meditiere, häkel, gehe in die Sauna, fahre Rad…

 

Aber Yoga? Steht immer auf der Liste von Dingen, die ich morgen mache. Aber heute? Heute habe ich keine Lust. Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob etwas, auf dass ich im Hier und Jetzt einfach keine Lust habe, los gelassen werden darf. Ich habe heute keine Lust. Warum sollte ich sie morgen haben? Warum halte ich an diesem Bild fest, von einer durchtrainierten Yogaconny auf der Matte, die eine Stunde nach der anderen gibt? Das Bild ist schön, ja und ich trage es schon lange mit mir herum. Aber das bin ich nicht. Und ich werde es auch nicht mehr sein.

Viel schlimmer: Dieses Bild setzt mich unter Druck und ich schäme mich, weil ich diesem Bild seit Jahren nicht gerecht werde. Einfach, weil ich kein Yoga mache.

 

Ich möchte Dinge tun, die mir wirklich am Herzen liegen, die ich – im Jetzt! – absolut gerne tue. Und das bedeutet, dass ich imaginäre Bilder von mir, die ich in die Zukunft projiziere, weil sie in der Vergangenheit eingebrannnt worden sind, los lasse.

Ich werde keine Superyogalehrerin (auch wenn das Potential da wäre), ich werde keine Ballerina mehr (da gab es nie ein Potential dazu) und ich werde nie die Salzburg-Triest-Alpenüberquerung erwandern (um Himmels Willen!).

 

Die Dinge, die ich heute gerne tue, sind ein Teil von mir. Das, was mich mit Freude erfüllt, was mir Spaß macht, darf ich leben. Aber mich selbst unter Druck setzen für ein Bild, das mein früheres Ich generiert hat, um irgendwann in der Zukunft zu glänzen?

Zurück an den Absender.

 

Welches Musikinstrument, dass du noch lernen wolltest, staubt in deinem Schrank voll? Welches großartige Hobbie hast du eingemottet, um es irgendwann später mal wieder zu beleben? Ich denke, die Vorstellung von dem, wie und was man gerne wäre, kollidiert nur allzu oft mit der Realität. Und das ist okay. Es ist okay, nicht berühmt, schlank oder die beste Flötistin der Stadt zu sein. Dieses Ding mit dem Menschsein darf Spaß machen. Und das bedeutet, es ist dir gestattet, alle Träume und Vorstellungen von dir über dich gehen lassen zu dürfen. Atme durch und lass sie frei. Vielleicht passen sie einem anderen ja viel besser.

 

Und wir setze uns endlich wieder richtig auf den Stuhl. Und zwar auf den, der am besten zu uns passt.

 

 

 

 

 

 

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